Der Sozialwissenschaftler Oskar Negt hat dem Spiegel vor wenigen Wochen ein Interview gegeben. Dass ich erst jetzt darauf gestoßen bin, ändert nichts an der Tatsache, dass es äußerst lesenswert ist. Negt ist einer der prominentesten noch lebenden Vertreter der Kritischen Theorie und vertritt – zumindest meine ich das aus seinen Sätzen herauslesen zu können, er selbst würde sich vermutlich dagegen verwehren – einen modernen Linksliberalismus, der Kant und Marx unter einen Hut bringt und überkommene Begrifflichkeiten in eine neue Zeit transferiert:
Die Zeit der Barrikaden ist vorbei, Revolution ist ein Prozess, der nicht abschließbar ist. Was bloße Reform ist und was revolutionäre Veränderung, ist so einfach nicht zu unterscheiden. Ich verbinde den Revolutionsbegriff mit Strukturreformen des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Ohne kleine Schritte, ohne Veränderung im Alltag, ob in der Schule oder in der Familie, gibt es gar keine nachhaltige Entwicklung. Jeder ist aufgefordert, Risse und Widersprüche wahrzunehmen und sie auf ihre Veränderungsmöglichkeiten hin zu untersuchen, um sich dann für Alternativen stark zu machen. Das verstehe ich als Beitrag zur Verbesserung der Welt.
Dazu zählt dann wohl die Mitgliedschaft in Gewerkschaften, Umweltorganisationen und im Zweifelsfall auch der Jungen Union. Warum eigentlich nicht? In Zeiten, in denen ganze Gesellschaftsschichten selbstgerecht über Parteiendemokratie und vermeintliche Politikerkasten herziehen, ist es doch gar nicht so unrevolutionär, sich auf einer idealistischen Grundlage für eine Parteimitgliedschaft zu entscheiden.
Der Journalist Jan Ross hat in der Zeit ein Plädoyer für ein Europa der Religionen veröffentlicht. Der Laizismus französischer Art sei ein Irrweg, weil er letzten Endes inkompatibel mit der Religionsfreiheit sei. Gleichermaßen seien aber auch Staaten mit einer religiösen Monokultur, wie etwa die Türkei, nicht mit diesem Europa vereinbar. Das Ziel müsse sein, so Ross, einem möglichst umfassenden Religionspluralismus das Tor zu öffnen:
Nicht die Neutralisierung, die religiöse Geruch- und Geschmacklosigkeit Europas kann das Ziel sein, sondern nur die religiöse Vielfalt. Wie über Wirtschaft und Technologie hat der Westen auch über die richtige Weltanschauungspolitik kein Monopol mehr; er kann nicht mehr einfach für die gesamte Menschheit verbindlich erklären, dass der liebe Gott tot oder jedenfalls sehr alt geworden und daher aus den irdischen Geschäften unbedingt herauszuhalten ist.
Ich kann den gesamten Artikel – gerade auch vor dem Hintergrund der belgischen und französischen Debatte um ein Verbot der Vollverschleierung, sowie einer aggressiv geführten Einwanderungsdebatte – nur empfehlen. Ich wundere mich ja auch generell seit einiger Zeit wie intolerant eigentlich politisch liberale Menschen, gegenüber jeglicher Form von Religion auftreten. Zum Artikel hier entlang, bitte.
Ich wohne nun seit knapp zwei Jahren in Bayern, in der Landeshauptstadt München. Das ist Segen und Fluch zugleich: Einerseits kann ich hier alles erledigen und brauche mich dazu kaum vom Fleck bewegen. Andererseits läuft man Gefahr, den Blick auf das Ganze zu verlieren und sich zu sehr in der Stadt einzurichten. Und da mir dieser Umstand neulich wie Schuppen von den Augen fiel, hab ich mich entschlossen das zukünftig zu ändern und ab und zu einfach mal in die Provinz zu fahren. Gestern nun sollte es also losgehen. Erste Station war das idyllische, niederbayerische Landshut. Und natürlich hatte ich auch einen Foto dabei. Weiterlesen
Das BootBooHook ist kein Festival wie jedes andere. Es findet nicht auf einem Acker mitten im Nichts statt, sondern im Zentrum Hannovers. Hannover wiederum ist angeblich Niedersachsens Landeshauptstadt – auch wenn man es kaum glaubt. Um genau zu sein findet das auf dem Gelände des Kulturzentrum Faust statt, das hingegen wohl zu den bekanntesten Konzertlocations des Landes gehört.
Durch erhebliches Gesprächspotenzial bin ich leider nur dazu gekommen drei Bands zu sehen, aber die hatten es in sich. Die erste Band möchte ich jedem ans Herz legen. Es handelt sich dabei um Station 17, eine Band, die zum Großteil aus behinderten Menschen besteht. Dies führt zu einem sehr interessanten Klang, der eine unglaubliche Kreativität enthält. Und ich habe nie erlebt, dass sich von der Bühne so gute Laune aufs Publikum überträgt. Ich hatte die Gelegenheit mit einem der Mitglieder zu sprechen und war dermaßen beeindruckt mit welcher Freude er bei der Sache ist. Ehrlich: Ich habe nie ein so gutes Projekt für Behinderte gesehen. Und es ist keinsfalls so, dass sie nur deswegen auf dem Festival gespielt haben. Es sind ernstzunehmende Musiker und sie haben sich super in das Programm eingefügt. Sollte mal wieder die Gelegenheit bestehen sie zu sehen, werde ich definitiv hingehen. Und auch das Album sollte man sich anschauen. Dermaßen viele Features bekannter Künstler sieht man selten. Weiterlesen
Im Vorfeld des bayerischen Nichtraucherschutz-Volksentscheids sprach ich von einer Wahl zwischen Freiheit und Sozialismus. Falsch lag ich damit insofern nicht, als dass die Fronten zwischen Gegnern und Befürwortern auch Wochen nach der Abstimmung noch immer, ähm, verhärtet sind. Spiegel Online schreibt:
Frankenberger läuft durch die leere Passauer Fußgängerzone. Auf einer Bank sitzen Jugendliche und trinken Bier. Am Boden liegen zertretene Dosen. “Frankenberger, du Missgeburt!”, rufen die Teenager. Zwei Frauen wechseln die Straßenseite, als sie ihn sehen. Frankenberger wird gejagt wie eine Hexe. Er erhält Morddrohungen. Seine Gegner beschreiben, wie sie ihn verbrennen möchten. Sie drohen, ihn zu erschießen. In Passau kleben Plakate an den Hauswänden: “Tötet Frankenberger”. Der Politiker geht nicht mehr ohne Pfefferspray vor die Tür.
Das Schlimme daran: Verantwortlich für solche Drohungen sind Menschen, die im Wahlkampf noch als liberale Freiheitskämpfer auftraten, davon jetzt aber nichts mehr wissen wollen, stattdessen ihre intolerante, antidemokratische Fratze zeigen und eine moderne Hexenjagd anzetteln.




