Eigentlich sollte er längst schlafen. Es standen schließlich Aufgaben an.
Die Kirchenglocke aber war nicht zum Kompromiss bereit: Ein Uhr, zwei Uhr, drei, vier Uhr. Dabei hatte er es sich doch fest vorgenommen. 22 Uhr. Deadline für diesen Tag.
Die Becksflaschen auf dem defekten Videospielgerät standen da – wie eine Armee. Eigentlich eher wie eine Guerillagruppe. Eine dieser revolutionären Truppen, die man aus Südostasien und Lateinamerika kennt.
Ein Hauch von Revolution – ja, das lag auch hier in München in der Luft. Sein Zimmer eine revolutionäre Zelle. Nicht, dass hier eine Revolution ausgehenden von der Stadt, den Menschen, den U-Bahn-Fahrern, den Künstlern oder einer extremistischen Splittergruppe stattgefunden hätte. Nein, es war zunächst eine nahezu stille Revolution. Etwas das in ihm selbst vorging.
Eine Revolution also, die gänzlich nichts mit Ländern, Staaten, Aristokraten zu tun hatte.
Was hier stattfand war zwar eine Revolution, aber doch keine wenn sie unter objektiven Gesichtspunkten betrachtet werden würde. Es war eine subtile Revolution im Inneren. Eine subtile Revolution im Inneren, dachte er. Ja, das war es.
Er starrte die weiße Wand an, die im Licht der Energiesparlampe aber eher wie Eigelb aussah. Er musste seine Gedanken ordnen. Was war nur los mit ihm?
Draußen dämmerte es.
Er drehte die Musik leise. Nachdenken! Er ließ sich Zeit.
Ja, das war es, dachte er und ging im Zimmer auf und ab. Viel Platz war da freilich nicht, zwischen all den Ordnern, Zeitschriften und Compact Discs.
Im Bewusstsein dieser Unzulänglichkeit, nahm er den Lautstärkeregler der Soundanalage zwischen Daumen und Zeigefinger und dreht nach rechts. Ganz nach rechts.
Die Membran schien demnächst den Dienst zu quittieren.
Es gab ihm das Gefühl etwas richtig gemacht zu haben. Das eine gute Gefühl. Das Gefühl von Freiheit. Freiheit. Tun und lassen was er wollte. Er hatte sich selbst überzeugt. Auf Sieg gespielt. Wie ein Politiker, ein Sportler oder ein 15-Jähriger am Eingang einer Großraumdisko. Freiheit. Widerstand. Revolution.
Die Polizei fuhr vor. Es war schon so spät, das in der Kirche schon bereits der Frühgottestdienst begonnen hatte. 5.32 Uhr. Aufmachen, mitkommen!
Ihm ging es prächtig. Und das sollte auch so bleiben.
Das Licht in seinem Zimmer erlosch am nächsten Abend um 21.52 Uhr. Es war sein Sieg. Seine Revolution. Seine Freiheit.
Er erledigte alle Aufgaben.
***
Fotohinweis: Burning Police Tank von antitezo (Flickr).

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Um welche veränderung es sich letztenendes gehandelt hat würde mich brennend interessieren^^.
Ich geh mal davon aus, dass du dich hierbei selber beschrieben hast, sehr gelungen auf jeden fall.
Hat mich anfangs an nen text von den goldenen zitronen erinnert, etwas fern und objektiv, aber trotzdem tiefsinnig.
Nein, den Gefallen werde ich dir nicht tun. Liegt an dir, drauf zu kommen. Es gibt wahrscheinlich auch kein richtig oder falsch.
Und nochmal nein. Die Kategorie “Erzählungen aus München” hab ich mir so gedacht, dass ich mir völlig fremde Menschen, die mir begegnen anschaue und aus ihnen eine Geschichte “raushole” ohne mit ihnen kommuniziert zu haben.
Natürlich versehe ich sie aber eventuell mit Gedanken, die mir im Kopf rumgehen oder konfrontiere sie mit Dingen die mir geschehen sind. Aber nichts zwangsläufig.
“L’auteur est mort!”
Is doch egal, ob es Pascal oder Heinz ist, das spielt für den Text doch keine Rolle.
Finde ihn gut, er funktioniert für mich – und ‘nachempfinden’ auch.
In loser Assoziation fällt mir zu diesem Text Riot for Candy ein, vor allem deren “Es sind alle da”. http://www.lastfm.de/music/riot+for+candy/_/es+sind+alle+da
Chris, woher nimmst du nur immer diese großartige Musik?! Muss demnächst hier mal ne Serie schreiben die sich “Ich hab mehr durch Chris’ Musik gelernt, als durch Bibliotheken” nennt
.