Schöntuerei & Schmeichelei

Schöntuerei & Schmeichelei

Wer das englische Verb “to flatter” ins Deutsche übersetzt, kommt zu einer Bedeutung die irgendwo zwischen “schmeicheln” und “schöntun”, vermutlich sogar genau dazwischen liegt. Wer “flattr.com” in seinen Webbrowser eingibt, landet auf der Website eines schwedischen Start-Ups. Zugegebenermaßen nicht irgendein Unternehmen, sondern eines das vor allem im deutschsprachigen Internet momentan für ziemliche Furore sorgt. Kurz und wohlwollend ausgedrückt ist Flattr eine Micropayment-Plattform mit voller Kostenkontrolle für den Endnutzer. Kurz und weniger wohlwollend ausgedrückt ist Flattr das digitale Pendant zu “Um Spenden wird gebeten!”.

Wie das System im Detail funktioniert lesen Sie bitte an anderen Stelle z.B. hier oder hier oder Sie schauen sich dieses Video an.

Vorgestern nun war bei den bekannteren teilnehmenden Blogs und der einen teilnehmenden Tageszeitung Zahltag. Ob die erreichten Erlöse nun gut sind oder nicht mögen bitte andere beurteilen. Johnny Haeusler von Spreeblick und Tim Pritlove jedenfalls haben nach dem ersten Monat etwas ausführlicher Bilanz gezogen und insbesondere Johnny hat auch einige kritische Punkte benannt. Dennoch geht mir die Diskussion um die Plattform noch nicht weit genug. Zwei Aspekte wurden bislang gar nicht oder zumindest unzulänglich thematisiert.

Zum einen geht es um Transparenz. Flattr-Spenden sind anonym, das ist  gut so. Aber es ist nur eine Seite der Medaille. Denn wer spendet kann nicht sicher sein, dass die bereitgestellte Summe auch tatsächlich in voller Höhe beim Empfänger ankommt. Also praktisch gesehen: Angenommen ich habe diesen Artikel von Wene geflattert. Insgesamt hat er für die beiden Flatts (?) einen Euro erhalten. Eigentlich hätte er aber alleine von mir 1,50 Euro bekommen müssen. Er kann es nicht wissen. Ich kann es nicht überprüfen. Nur, dass das klar ist: Ich unterstelle den Flattr-Gründern nicht, sie seien Betrüger. Aber durch die Anonymität ist eben eine letztendliche Kontrolle nicht möglich und das ist, solange es um Geld geht, ein Problem.

Der zweite Kritikpunkt richtet sich weniger an Flattr, sondern vielmehr an die Blogger, die Flattr auf ihren Blogs einsetzen. Es geht um die Frage ob es okay ist, wenn unter Artikeln, die im Wesentlichen aus Zitaten bestehen bzw. generell Produkte der Arbeit Dritter sind, ohne Weiteres ein Flattr-Button stehen darf. Aktuelles Beispiel ist dieser Link mit ein bisschen Text über einen Radiobeitrag des Deutschlandradios. Zur Stunde wurde dieser Beitrag viermal geflattert, dabei wurde er natürlich nicht von Netzpolitik.org produziert. Netzpolitik.org aber erhält nächsten Monat Geld dafür. Nun kann man natürlich argumentieren die vier Flatterer wollten Markus Beckedahl für das Setzen des Links danken und gar nicht den eigentlichen Beitrag flattern. Aber ist das wirklich so? Und wie überprüft man das? Was ist wenn die Zielseite Flattr nicht nutzt und ich nur deshalb geflattert wurde? Oder der Spendenwillige nicht in der Lage ist zu erkennen, dass ein bestimmter Inhalt im weiten Teilen ein Zitat ist? Zu Recht fragt auch Oliver was passiert, wenn in Zukunft die Zitierenden regelmäßig mehr Geld bekommen als die Zitierten. Ein nicht unwahrscheinliches Szenario.

Markus schiebt das Problem auf das verwendete WordPress-Plugin, das eine manuelle Auswahl der flatterbaren Artikel nicht erlaubt. Ein schwaches Argument für jemanden der in der Szene bestens vernetzt ist und sicher mehr Programmierer kennt als ich Politikwissenschaftler. Notfalls kann man den Button auch manuell einbinden, wie ich es hier, hier und hier gemacht habe. Aber das erfordert ein, zwei Minuten.

Was also wäre die Lösung dieses Problems? Zwei Varianten sind denkbar: Blogger verzichten in Artikeln, deren Inhalt zum Großteil aus der Arbeit Dritter besteht auf die Einbindung eines Flattr-Buttons. Oder – und das wäre die viel interessantere Lösung – Flattr baut ein System, das es erlaubt einen bestimmten Anteil des Erlöses, das auf einen spezifischen Artikel entfällt, an andere Nutzer weiterzuleiten. In der Praxis: Blogger XY zitiert Blogger UV und erhielte dafür theoretisch via Flattr fünf Euro. Blogger XY hat aber vor der Veröffentlichung des Artikels festgelegt, dass 50% des Erlöses an Blogger UV gehen sollen, weil der letztlich auch Zeit für die Recherche aufgebracht hat. Blogger UV erhält dann am Ende des Monats automatisch 2,50 € auf sein Flattr-Konto überwiesen. Klingt gut und vor allem gerecht, aber auch ein bisschen wie Zukunftsmusik.

Der russische Dichter Fjodor Dostojewski – und damit schließt sich der Kreis zum Anfang des Artikels – schrieb einmal es gäbe auf der Welt “nichts Leichteres als Schmeichelei”  wenn Flattr es jetzt noch schafft diese gerecht zu verteilen, dann ist das doch gar nicht so schlimm. Und ziemlich gut.

***

Fotohinweis: Five US Dollars Money von Photos8.com (Flickr) unter dieser Creative Commons-Lizenz.


Über den Verfasser

Pascal Paukner wohnt in München. Denkt seit er schreiben kann. Interessiert sich für Popkultur, Politik und Medien. Bereits seine Kindergärtnerin sagte ihm nach, er hätte ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden. Dennoch ist aus ihm kein Jurastudent geworden. Stattdessen Politik und Kommunikation.



9 Comments


  1. Nun kann man natürlich argumentieren die vier Flatterer wollten Markus Beckedahl für das Setzen des Links danken und gar nicht den eigentlichen Beitrag flattern.

    Ganz genau. Die Flatterer sind frei in ihrer Entscheidung, wie sie ihr Geld verteilen. Wenn sich jemand für einen Link bedanken will (oder vielleicht nur die Chance nutzt, sein Lieblingsblog flächig zu flattern), ist das vollkommen ok.

    Zu Recht fragt auch Oliver was passiert, wenn in Zukunft die Zitierenden regelmäßig mehr Geld bekommen als die Zitierten. Ein nicht unwahrscheinliches Szenario.

    Ob ein Zitat in Art und Umfang rechtmässig ist, regelt das Zitatrecht und/oder – im Kontext von Creative Commons – eine entsprechende Lizenz. Flattr (und andere Einnahmequellen) sind da schlicht aussen vor.

    Ein schwaches Argument für jemanden der in der Szene bestens vernetzt ist und sicher mehr Programmierer kennt als ich Politikwissenschaftler.

    Vielleicht findet Markus es ja schlicht fair, Programmierer auch dann für Auftragsarbeiten zu bezahlen, wenn er mit ihnen befreundet ist? Und da stellt sich dann einfach die Frage, ob der Nutzen den Aufwand rechtfertig (Hint: Es ist schon länger ein Relaunch geplant). Ich sehe das nicht.

  2. Ganz genau. Die Flatterer sind frei in ihrer Entscheidung, wie sie ihr Geld verteilen. Wenn sich jemand für einen Link bedanken will (oder vielleicht nur die Chance nutzt, sein Lieblingsblog flächig zu flattern), ist das vollkommen ok.

    Nein, in dem Moment, wo ein Beitrag zu großen Teilen eben nicht mehr aus eigener Arbeit besteht, ist es unter Umständen zunächst mal lizenzrechtlich (siehe unten) und vor allem moralisch nicht “vollkommen ok” einen Flattr-Button unter bestimmten Artikeln überhaupt anzubieten.

    Ob ein Zitat in Art und Umfang rechtmässig ist, regelt das Zitatrecht und/oder – im Kontext von Creative Commons – eine entsprechende Lizenz. Flattr (und andere Einnahmequellen) sind da schlicht aussen vor.

    Das mag unter Umständen aus juristischer Sicht so stimmen. (Was ist mit CC-Lizenzen, die eine kommerzielle Nutzung verbieten?) Unter moralethischen Aspekten finde ich eine solche Haltung aber ein bisschen zu einfach. Es ist doch klar, dass Netzpolitik.org oder jedes andere große Blog allein durch die schiere Reichweite potenziell mehr Erlös erwirtschaften kann. Das ist so lange völlig okay, wie die Beiträge aus selbstproduzierten Inhalten bestehen. Aber mir will nicht einleuchten warum es gerecht sein sollte, wenn Netzpolitik.org beispielsweise nichts anderes macht als ein Video einzubinden?! Ihr habt in diesem Fall nichts gemacht ausser zwei Zeilen Code zu kopieren, lasst euch aber potenziell dafür bezahlen. Das ist wie, wenn ich als Privatperson im Englischen Garten an jeder Sitzbank ne Spendenbüchse installieren würde.

    Und da stellt sich dann einfach die Frage, ob der Nutzen den Aufwand rechtfertig (Hint: Es ist schon länger ein Relaunch geplant). Ich sehe das nicht.

    Auf die juristische Argumentation folgt die betriebswirtschaftliche. Ich lass das mal so stehen.

  3. Ich verstehe nicht, warum das WordPressplugin nicht einfach bei jedem Artikel die Frage stellte, ob der Beitrag einen Button bekommen soll. So schwer kann das nicht sein. Ich finde es zwar richtig, wenn auch sinnvoll zitiertes geflattrt wird, und “Danke für den Link” sagen und so… aber Grundsätzlich: das wäre einfach umzusetzen und würde das Problem lösen. Btw, jeder könnte CC-Bilder von anderen posten, wenn diese keine Lizenz haben, die das verbietet (ich denke kommerzielle Nutzung ist das auch, und jetzt alte Artikel mit alten Bildern irgendeiner NC-Lizenz flattrn zu lassen halte ich für grenzwertig). Nicht ganz so einfach, herauszufinden wo einer seine Infos her hat. Aber grundsätzlich, poststrukturalistisch gesehen: Der Autor ist tot. Wie wollt ihr das bewerten?

  4. Das Problem mit der Undurchsichtigkeit sehe ich auch. Das mit den Inhalten Dritter habe ich mit Henrys Hilfe so gelöst, dass ich quasi unter jedem meiner Beiträge im Editor angeben kann, ob der Button drunter soll, oder eben nicht.

  5. @meme (3): Ich denke, dass der Autor alles andere als tot ist, aber das ist eine andere Diskussion. Ansonsten Zustimmung.

    @Moritz (4): Das heißt du hast ein Plugin, dass das kann? Und warum gibt’s das nirgends zum Download?

  6. Weil’s kein Plugin ist :-D … WordPress kann das alleine, man muss nur das Template anpassen.

  7. Danke für den Tipp. Muss ich mir mal anschauen. Und der Edit-Knopf kommt auch noch, hab nur noch nicht das passende Plugin dazu gefunden.

  8. Ah, ich Depp: man braucht dazu SCHON das Flattr-Plugin für WordPress. Also geht auch ohne, aber das ist dann echt kompliziert und so – sprach der Fachmann.

Trackbacks

  1. Sockenblog » Flattr.

Leave a Reply