Als ich mich zu Beginn des Sommersemesters entschlossen habe in einem Seminar über Politische Kultur(en) in Europa ein Referat zum Thema Politische Symbole und Rituale in Deutschland zu halten, war mir nicht klar, welche Brisanz das Thema in diesen Wochen wieder haben würde. Deutschland Lena hat nach gefühlten Jahrzehnten wieder den Eurovision Song Contest gewonnen. Jetzt läuft die Fußball-Weltmeisterschaft so richtig an und sie scheint kein Manifest nationaler Zwietracht zu werden. Fähnchen und Seitenrückspiegelfäustlinge jedenfalls lassen bereits jetzt diesen Schluss zu.
In meinem Referat hab ich das auch thematisiert, also Schwarz-Rot-Gold zum Beispiel. Und weil Hagen nachgefragt hat, hab ich mich entschlossen hier mal einige wenige, die Nationalfahne betreffende, Aspekte der Präsentation niederzuschreiben. For your interest, sozusagen.
- Die Farbkombination Schwarz-Rot-Gold geht auf einen Irrtum zurück. 1818 wurde in Jena die Gründung der deutsche Burschenschaft mit einer Verfassung besiegelt. Als es darum ging eine geeignete Farbkombination für den noch jungen Zusammenschluss der Burschenschaften zu finden, einigte man sich auf Schwarz-Rot-Gold, weil man dachte, dass dies die Farben des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation gewesen seien. War aber nicht so. Eigentlich hatte das erste Deutsche Reich nie so etwas wie offizielle “Reichsfarben” gekannt.
- In der unruhigen Zeit des Vormärz stand Schwarz-Rot-Gold zu allererst für das Streben nach nationaler Einheit. Dies veranlasste mich – in der sich an die Präsentation anschließenden Diskussion – zu der Frage, ob in Zeiten eines vereinigten Europas Nationalflaggen nicht viel mehr ausgrenzten als integrierten. Also ob ein gebürtiger Türke, der gemeinsam mit Deutschen einen Sieg der deutschen Nationalmannschaft feiern will, das nicht eher tun würde, wenn Public Viewings ohne Nationalflaggen auskämen. Wie sich herausstellen sollte, war ich mit dieser Ansicht ziemlich allein.
- Von welcher Bedeutung eine Flagge sein kann, lehrt uns die Weimarer Republik: Es gibt Historiker die den Flaggenstreit für das Scheitern der ersten deutschen Demokratie mitverantwortlich machen. Auf der einen Seite die Anhänger einer liberalen Demokratie, die sich unter den genannten Farben versammelten. Auf der anderen Seite die Anhänger der alten Ordnung, die nach wie vor Schwarz-Weiß-Rot, die Farben des wilhelminischen Kaiserreichs, für die legitimen Staatsfarben hielten.
- Für die Nazis gab es folglich auch wenig Verabscheuungswürdigeres als die republikanischen Farben Schwarz, Rot und Gold.
- Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war man sich im Parlamentarischen Rat eigentlich relativ schnell einig, dass einzig eine Wiederaufnahme der Weimarer Reichsfarben in Frage kam. Ludwig Bergsträsser begründete dies folgendermaßen: “Wir wollen, dass die Bundesrepublik Deutschland die gleiche Flagge führt, wie in Weimar gesetzlich festgelegt wurde. [...] Eine Flagge ist ein politisches Symbol. und als Symbol soll sie zweierlei Elemente enthalten: eines der Tradition und eines [...] der inneren Willenserklärung; und diesen beiden Anforderungen entspricht sie. [...] Die Tradition von Schwarz-Rot-Gold ist Einheit und Freiheit; oder ich sage vielleicht besser: Einheit in der Freiheit. Diese Flagge soll uns als Symbol dafür gelten, dass die Freiheitsidee, die Idee der persönlichen Freiheit, eine der Grundlagen unseres zukünftigen Staates sein soll.”
- Konrad Adenauer übrigens hatte sich dafür ausgesprochen die Farben nicht mehr in Form einer Trikolore anzuordnen. Durchsetzen konnte er sich damit bekanntlich nicht.
- Interessanterweise übernahm auch die DDR die bundesrepublikanischen Farben. Vermutlich deshalb, weil die sowjetische Führung nicht wie 1918 Gefahr laufen wollte, mit dem Versuch der Einführung der roten Arbeiterflagge, die Arbeiterschaft zu spalten.
- Im Gegensatz zum Bundesadler ist Schwarz-Rot-Gold im Grundgesetz festgeschrieben. Artikel 22: Die Bundesflagge ist schwarz-rot-gold.
Macht die eigentlich von positiven Werten wie Freiheit und Einheit bestimmte Geschichte der Farben das gegenwärtige Fahnengeschwenke nun besser? Nein. Denn und das ist – wie oben bereits angeklungen – meine These. In Zeiten, in denen supranationale politische Strukturen so weit gewachsen sind, dass in Europa erstmals die Möglichkeit bestünde den in die Jahre gekommenen Nationalstaat zu überwinden, sind Nationalflaggen – unabhängig von ihrer Bedeutung (in der zeichenorientierten politischen Kulturforschung: Signifikant) –Relikte und Herzschrittmacher eben dieses überkommenen nationalen Denkens. Nationalsymbole und insbesondere Nationalflaggen grenzen ab und damit aus.
Die Frage muss angesichts des laufenden Fußballwettstreits also erlaubt sein: Was genau wäre eigentlich so schlimm daran, ein gut spielendes deutsches Team einfach so zu anzufeuern ohne Nationalflaggen und den ganzen Quatsch? Nur weil sie eben so inspirierenden Fußball spielen. Mindestens die Krakauer (via) würden es “uns” danken. Ganz sicher:

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Bildhinweis: Juichende jongens bij de voetbalwedstrijd VSV-DFC von Nationaal Archief (Flickr).

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Endlich mal jemand, der meine These unterstützt. Ich habe schon bei der WM 2006 beobachtet, wie sich irgendwelche Nationalisten aus der Menge hervortaten und für ihre Sache warben. Darum halte ich nicht nur die durch die Fahnen entstehende Abgrenzung von anderen Nationen für gefährlich. Ein weiterer Effekt ist nämlich, dass sich die Nationalisten durch den eben daraus enstehenden Nationalstolz sehr viel freier und öffentlicher bewegen können. Und gerade wenn ich an einer Public Viewing-Area vorbeifahre bekomme ich eine Gänsehaut, da die Bilder doch sehr an die Geschichtsbücher erinnern. Ich sage nicht, dass jeder ein Nazi ist, der sich mir einer Fahne durch die Straßen bewegt, aber es ist seit 2006 durchaus eine stärkere Nationalisierung zu beobachten die ich eher kritisch betrachte. Und wer meine Thesen nicht glaubt, kann sich gerne diesen Screenshot von einem Interview bei dieser WM ansehen und auf den Hintergrund achten http://twitpic.com/1wi53a
Stimme ich dir zu. Gerade bei den Deutschen schlägt fröhliches Feiern immer ganz schnell um in dumpfe Parolen. Woran das genau liegt weiß ich auch noch nicht so genau, vermute aber dass das wiederum mit dem zutiefst subjektiven Gefühl vieler nach 1945 geborenen Deutschen zu tun hat, irgendwie benachteiligt zu sein.
Das Bild mit der Reichskriegsflagge kannte ich auch schon und fand es einigermaßen bestürzend, wobei man bei einer Liveübertragung aus dem Getümmel dem Reporter wahrscheinlich nicht unbedingt einen Vorwurf machen kann. Eher schon dem Veranstalter des Public Viewings.
Fans einer Mannschaft möchten etwas verbindes Optisches haben, womit sich sich als Fan darstellen und Ihre Mannschaft feiern können. So wie ein Bayern-Fan mit den Bayern-Farben und ein Hertha-Fan mit den Hertha-Farben dieses tun, machen es die Fußballfans der Nationalmannschaft mit den Farben dieser Mannschaft. Selbstverständlich hat das einen Beigeschmack. Und zu keiner Mannschaft als der deutschen würde es vermutlich besser passen, wenn sie eigene von der Nationalflagge unabhängige Farben hätte.
Allerdings frage ich mich bei Deiner These, dass Nationalflaggen- und symbole ab- und ausgrenzen, ob nicht Nationalmannschaften, Welt- und Europameisterschaften, Olympische Spiele, Eurovision Song Contests und überhaupt sämtliche Wettbewerbe in der Länder, Vereine und Menschen gegeneinander antreten ab- und ausgrenzen.
Ich kann die Gründe für den Gebrauch solcher Symbole schon nachvollziehen. Denke aber, dass dahinter ein altes, überkommenes Weltbild steht. Und daran darf man ja auch mal rütteln.
Zu deiner Frage: Ja, Wettbewerbe grenzen grundsätzlich voneinander aus und ab. Stellt sich eben die Frage auf welche Art und Weise: Tritt beim Eurovision Song Contest Deutschland gegen den Rest von Europa an oder tritt die deutsche Kandidatin Lena gegen die Kandidat/innen der anderen Ländern an? Haben “wir Deutschen” das Fußballspiel gewonnen oder haben es 11 Männer, die für Deutschland angetreten sind, gewonnen? Nationalsymbole verstärken jeweils ersteren Eindruck.
@Andreas: Es ist schon ein Unterschied wenn jetzt ein Paar Leute “ihren” Verein anfeuern oder ob man solche Sachen liest wie “die Nation steht hinter euch”. Also diese Bild-typische Verallgemeinerung. Da werde ich plötzlich in eine Gruppe Menschen geworfen, mit der ich absolut gar nichts zu tun haben möchte. Außerdem kommen ja von den Fans selber solche Sätze wie “endlich können wir wieder stolz auf das Land sein und und mit Fahne in der Öffentlichkeit zeigen.” Also ist es auch für die mehr als nur eine Fußballmannschaft. Und das macht mir ernsthaft sorgen
…zumindest auf Orden und Ehrenzeichen des Bundes ist die heraldisch korrekte Farbanordnung — wie nach WWII als Flaggenentwurf vorgelegt — umgesetzt.
Die Euphorie im Rahmen der WM und des ESC wundert mich aber gar nicht — mehr wundert mich, dass du die zweite dafuer notwendige Komponente nur am Rande anreisst. Flagge, Trikot, Hymne und im Zweifelsfall auch dumpfe Parolen sind nur eine Seite der Medaille — die klare Abgrenzung gegen den Gegner^w^w die Konkurrenten ist mindestens ebenso wichtig. Und das duerfte sich im Umfang (Stadt, Kreis, Bundesland, Nation, Kontinent) nahezu beliebig skalieren lassen.
stk, deinen ersten Satz kapier ich nicht. Kannst du das noch erläutern, was du damit meinst bzw. inwiefern das dem von mir geschriebenen widerspricht?!
Zum zweiten Punkt: Klar eine gewisse Abgrenzung wird und muss es immer geben. Sonst machen Wettbewerbe ja keinen Sinn. Aber die Frage ist eben ob man die Abgrenzung so weit treiben muss/soll/darf, dass sie letztlich zu einer Frage der ethnischen Herkunft o.ä. wird. Und da ist meine Antwort ganz klar: nein.
Der erste Satz ist gar kein Widerspruch, sondern eine Ergaenzung
Es gab ja Flaggenentwuerfe mit Skandinavenkreuz, bei denen die Farben z.T. auch heraldisch korrekt angeordnet waren (farbe-metall-farbe) — irgendwann vor ein paar Jahren ist mir dann aufgefallen, dass die Ordensbaender des Bundes als (soweit ich weiss) einzige dieses Prinzip einhalten.
Ad 2: Abstrakt gesehen finde ich gerade diesen Punkt interessant. Egal ob bei Zensursula, dem “Professor aus Heidelberg” oder der WM, je greifbarer ein “Antibild” formuliert werden kann, desto staerker kann man die eigene Gruppe zusammenschweissen. Ich wuerde soweit gehen zu sagen, dass in Wettbewerbskontexten die reine Abgrenzung nach Staatsangehoerigkeit oder sogar Religion oder Ethnie in Ordnung sein kann, solange das sich lediglich auf den Wettkampf beschraenkt und keine implizite Ueberlegenheit aufgrund der Gruppenzugehoerigkeit behauptet wird.
Oder anders gesagt: Sich zu identifizieren und zu freuen, wenn Fussballmannschaft X gewinnt und gemeinsam zu feiern, ist meines Erachtens nicht verwerflich. Sich als ueberlegen darzustellen, einfach nur weil man aus X kommt und nicht aus Y oder Z, ist daemlich.
Das wundert mich jetzt etwas, weil die Heraldik eigentlich “metallene Farben” ja gar nicht kennt. Heraldisch korrekt wäre die Bundesflagge eigentlich als Schwarz-Rot-Gelb zu bezeichnen. Aber letztlich kenne ich mich auf dem Gebiet zu wenig aus um das fundiert beurteilen zu können.
Zum zweiten Punkt: Ich denke, dass man das durchaus so sehen kann, wie du es hier ausführst. Allerdings stellt sich dann eben die Frage: Was bringts? Oder wie ich es oben geschrieben habe: Was genau wäre eigentlich so schlimm daran, ein gut spielendes deutsches Team einfach so zu anzufeuern ohne Nationalflaggen und den ganzen Quatsch?
Letztendlich würde das auch den ganzen Migranten – und wir leben nun mal zum Glück in einer kulturell vielfältigen Gesellschaft – helfen sich mit dem jeweiligen Team und den feiernden Menschen zu freuen.
@Heraldik, “metallene Farbe” gibts nicht, es gibt nur Metalle (silber und gold) und eine sehr kleine Farbpalette — “gelb” gibt es nicht. Heraldisch korrekt duerfen Farben nicht an Farben und Metalle nicht an Metalle anstossen, im Fall Schwarz-Rot ist die Regel verletzt. Ordensbaender und eine Version der Alternativflagge mit Skandinavierkreuz haben deswegen die Reihung Schwarz-Gold-Rot. Bei Ordensbaendern ist das in der Regel eine rote Grundfarbe, auf denen ein gold-schwarz-goldener Saum aufliegt.
@Flaggen das kommt immer darauf an, als was man die Flagge versteht. In der Regel gibt es wenige Dinge, die in ihrer Konnotation heftiger hin- und hergerissen werden als Flaggen — die Verwendung durch eine breite Masse der Buerger (ausdruecklich der unterschiedlichsten Herkunft) kann letztlich (wieder einmal) zu einer Neudefinition fuehren, fuer was die Farben stehen.
Moment, jetzt zitier ich mal Rabbow, 1970: “Die deutschen Farben sind in der Flaggenpraxis Schwarz-Rot-Gelb, sie heißen aber seit dem 19. Jahrhundert Schwarz-Rot-Gold.” Gibt noch ne andere Stelle wo er explizit sagt, dass die Heraldik Gold nicht kennt, die finde ich aber gerade nicht mehr.
Gelb und Gold kann synonym verwendet werden, genau wie Silber und Weiss. Beide sind aber Metalle.
Okay, das habe ich oben missverstaendlich ausgedrueckt, sehe ich eben: Die _Farbe_ “gelb” gibt es nicht.
@stk: Du hast es jetzt eh geschafft mich völlig zu verwirren. Demnächst such ich den Heraldiker meines Vertrauens auf
.
@Laura: Nein, haben wir nicht. Zumindest nicht in der Form, dass sie hier in Deutschland dauerhaft leben. Dafür haben wir relative viele Erasmus-Studierende und auch die empfanden es als völlig normal, dass Deutschland nun wieder exzessiven Gebrauch von seinen Nationalsymbolen macht.
Da würde mich doch interessieren, ob ihr ethnische Minderheiten in eurem Kurs habt!??