Freiheit oder Sozialismus!

Freiheit oder Sozialismus!

Es ist 23 Uhr. Ich sitze auf dem Balkon und höre Schlagermusik. Also nicht freiwillig, sondern gezwungenermaßen. In der Eckkneipe im Erdgeschoss findet heute eine Party statt. Oder zumindest das, was die Gäste dafür halten.

Ich weiß nicht genau was der Grund für die Veranstaltung ist, aber bestimmt hat es mit dem Volksentscheid zu tun, der morgen in Bayern stattfindet. Vor circa einem Monat ist nämlich sämtliche Dekoration aus dem Laden verschwunden und durch Werbebanner, Aufkleber und sonstigen Kram der Tabakindustrie ersetzt worden. Zusätzlich wurden sämtliche Straßenzüge im Viertel mit sexistischen Plakaten zugepflastert. Das Arschgeweih als Argument.

Hinter dieser Kampagne stecken im wesentlichen zwei Akteure: Die bereits erwähnte Tabaklobby und diverse Zusammenschlüsse bayerischer Gastronomen und Kneipeninhaber. Daher auch meine Vermutung, dass es sich um eine Art Pre-Volksentscheids-Party handelt. Wer eidesstattlich erklärt, dass er morgen dagegen stimmt, darf den Abend lang umsonst qualmen. Oder so.

Nun ist es ja nicht so, dass ich ein genereller Gegner des Tabakkonsums wäre. Bis vor zwei Monaten war ich selbst Raucher. Hatte dann aber keine Lust mehr und hab damit aufgehört – nach fast sechs Jahren. Meine persönlichen Erfahrungen in diesem Zusammenhang mache ich bei der Abstimmung morgen aber ausdrücklich nicht zur Entscheidungsgrundlage. Was es nicht einfacher macht.

Klar, die objektiven Argumente liegen auf der Hand. Stefan Kaufmann hat sie aufgeschrieben. Und wenn man das Ganze mal eine Stufe nach oben hebt, läuft es letztlich auf die alte Frage hinaus: Freiheit oder Sozialismus?

Wobei Freiheit in diesem Fall meint: tun und lassen können, was man will. Also ein Freiheitsbegriff, der eben keine Verantwortung kennt. Keine Verantwortung für Kinder und Asthmatiker in Bierzelten. Keine Verantwortung für Kellnerinnen und Kellner. Keine Verantwortung gegenüber dem gemeinschaftlich finanzierten Gesundheitssystem.

Oder eben einen Sozialismus, der die Gleichheit und das Wohl des Volkes zur Maxime erhebt, aber den Unternehmern Gestaltungsfreiräume verschließt. Ein Sozialismus, der dem Individuum vorschreibt wie er  mit seinem Körper umzugehen hat. Ein Sozialismus der den Einzelnen vor vollendete Tatsachen stellt.

Und bevor jetzt einer mit Geschichtsklitterung ankommt: So war das nicht gemeint. Es geht hier nicht um Mauertote, Gulags oder sonstige Gräueltaten des real-existierenden Sozialismus. Es geht um unterschiedliche Ansichten darüber, wie eine Gesellschaft organisiert sein soll. Welche Rolle der Staat spielen soll und insbesondere geht es darum wie das Verhältnis zwischen Staat, Individuum und Gemeinschaft ausschauen soll.

Aber genau diese Fragen sind nicht debattiert worden. Vielmehr genügten sich beide Seiten darin, sich gegenseitig schlecht zu machen. Negative Campaigning auf das Sarah Palin und ihr Tea-Party-Freunde stolz wären. Auf entsprechendem Niveau wurde die Diskussion dann in der Gesellschaft fortgeführt. So dass sich morgen an der Urne gefühlt nur zwei Gruppen gegenüberstehen: Nichtraucher und Raucher. Kleinster gemeinsamer Nenner: Wechselseitig schreibt man sich das  Adjektiv “militant” zu.

Ich dagegen werde abstimmen über Freiheit oder Sozialismus. Wie? Weiß ich noch nicht. Aber das ist nicht schlimm: Die Schlagerparty ist noch in vollem Gange und mir fehlt der griechische Wein um Udo Jürgens zu ertragen. Dann halt Kant und Marx.

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Fotohinweis: Portrait #133 – Ben von Valentin Ottone (Flickr).



Über den Verfasser

Pascal Paukner wohnt in München. Denkt seit er schreiben kann. Interessiert sich für Popkultur, Politik und Medien. Bereits seine Kindergärtnerin sagte ihm nach, er hätte ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden. Dennoch ist aus ihm kein Jurastudent geworden. Stattdessen Politik und Kommunikation.



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