The National in Dachau

The National in Dachau

Als ich noch ein Kind war, hatten wir zu Hause kein Privatfernsehen. Ich empfand das zumindest in jüngeren Jahren nie als sonderlich schlimm. Denn immerhin lief ich damit keine Gefahr meinen Samstagnachmittag mit Actionserien auf Kabel 1 zu verplempern, sondern hatte eigentlich gar keine andere Wahl als irgendwelche Märchenverfilmungen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen anzuschauen. Das hatte den unschlagbaren Vorteil, dass ich im Deutschunterricht der Grundschule, wenn wir auf die Gebrüder Grimm und Konsorten zu sprechen kamen, immer bestens informiert war.

Gestern Abend gaben The National ein Konzert in Dachau und als wir den Hügel zur Altstadt hinauf spazierten, wurde mir plötzlich klar, dass es diese Stadt gewesen sein musste in der alle Märchenverfilmungen, die ich während meiner privatfernsehfreien Kindheit gesehen hatte, gedreht worden waren. Dachau das heißt Kleinstadtidyll ohne Spießbürgertum. Schönheit ohne Prunk. Und eine öffentliche Toilette ohne Uringestank. Wollte man die Szene in der sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen, nachstellen, man würde es in Dachau tun. Dass dort eines der schlimmsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte begangen wurde, würde man nicht glauben, würde man es nicht besser wissen.

Ein Konzert an diesem Ort, zumal auf dem Rathausplatz, ist dann auch nur unter diesen Eindrücken zu erleben. Das ist nicht irgendein Ort. Und – was sich ganz gut traf – es war auch nicht irgendeine Band.

The National reiten gerade auf einer Erfolgswelle durch die halbe Welt. Das aktuelle Album High Violet konnte neben guten Kritiken auch eine ganze Menge Cash einfahren. Und wie man hört, soll auch die Tournee nicht schlecht besucht sein. Dachau dürfte – obwohl reges Interesse vorhanden – eines der kleineren Konzerte gewesen sein. Alles andere hätte aber auch nicht zu dieser Stadt gepasst.

Als Vorband hatten The National St. Vincent aus New York mitgebracht. Mein Eindruck war: “Ja, kann man machen. Aber das ist keine Liveband.” Und wie sich nun im Nachhinein herausstellen sollte, gefällt das konserviert auch wesentlich besser:

Als beim letzten Song der Vorband The National ohne Matt Berninger auf die Bühne kamen und ein bisschen mitjammten, dachte ich schon: “Oh geil, ein fliegender Wechsel.” Dem war aber leider nicht so. Allerdings konnte man während der Umbaupause wenigstens fliegende Flugzeuge beobachten. Der Flughafen ist nicht all zu weit entfernt. Auch das ist Dachau.

Tja, und plötzlich war es dann soweit. Acht Leute standen auf der Bühne und spielten ein Konzert, welches zur rekonstruieren nur zwei Tage später fast unmöglich ist. Ganz zu schweigen davon, dass ich nicht mal ansatzweise den Versuch unternommen habe mir die Reihenfolge der Setlist zu merken. Nein, dafür ist ein Konzert der New Yorker einfach zu intensiv und aufwühlend, als dass man es als bloßes Ereignis wahrnehmen könnte, das sich ohne weiteres protokollieren ließe.

Nichtsdestotrotz! Einige Fakten: Matt Berninger trank Mineralwasser aus einem Weißweinglas. Er hat den Blick und die Bewegungen aus dem Video zu Bloodbuzz Ohio noch immer drauf. Er rennt durch das Publikum, um dann den erfolglosen Versuch zu unternehmen auf eine Straßenlaterne zu klettern. Er beendet die meisten seiner Ansagen mit einem schelmischen Lächeln, das einen unweigerlich an dem zweifeln lässt, was er einem da gerade erzählt hat.

Der Rest der Band hält sich vornehm zurück, tut das aber mit Präzision und Leidenschaft. Und zwar ausnahmslos. Mitunter wird die Combo dann auch richtig wild. Matt schreit dann. Herzzerreisend.

Und als hätte dieser Abend noch nicht genug Dramatik erfahren, zog über München pünktlich zu Vanderlyle Crybaby Geeks ein Gewitter auf. Inklusive Blitz. Als hätte es der Tourmanager bestellt. Fast ein bisschen wie im Märchen.

***

Fotohinweis: World Domination Dwarf von Problemkind (Flickr).



Über den Verfasser

Pascal Paukner wohnt in München. Denkt seit er schreiben kann. Interessiert sich für Popkultur, Politik und Medien. Bereits seine Kindergärtnerin sagte ihm nach, er hätte ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden. Dennoch ist aus ihm kein Jurastudent geworden. Stattdessen Politik und Kommunikation.



4 Kommentare


  1. Die will ich unbedingt mal live erleben. Ich hab auch nur gutes über die gehört

  2. fands auch ganz märchenhaft! wobei ich glaub, dass er wirklich weißwein getrunken hat ;)

  3. @Hagen: Ja, ist auf jeden Fall empfehlenswert, aber ich glaube das kann man ja aus dem Bericht auch herauslesen.

    @dielila: Okay, ich bin mir auch nicht hundertprozentig sicher. Aber vermutlich war das Rätselraten von Berninger auch so beabsichtigt. Oder es ist banal und er hatte einfach kein anderes Glas zur Hand. Fragen über Fragen.

  4. Matt hat eine Weinflasche auf der Bühne gehabt, die ist aber nicht leer geworden. In Berlin hat er mehr Durst gehabt ;-)

    Hab’ nicht den Eindruck, daß sich der Rest der Band sonderlich zurückhält. Scott ist bei einigen Gesangseinlagen mit engagiertem Einsatz dabei. Matt hat einfach das Problem, daß er in Breaks nicht wie Joe Cocker Luftgitarre spielen kann und stattdessen unbeholfen über die Bühne stackst.

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