Er hat Jehova gesagt!

Er hat Jehova gesagt!

Einer der Vorteile des Internets ist dessen enorme Geschwindigkeit. Wenn man als Beispiel den Flugzeugabsturz in den Hudson River vor einiger Zeit nimmt, dann gab es dort binnen weniger Minuten ein Video der Notwasserung und Tweets der Menschen an Board des Flugzeugs. Aufgrund der Struktur Twitters verbreiten sich solche Nachrichten in rasendem Tempo und in weniger als einer Stunde wissen viele Leute auf der Welt was vorgefallen ist. Dies alles geschieht ohne das Einschreiten einer Nachrichtenagentur. Das führt dazu, dass vieles »Wissen« gar nicht als solches bezeichnet werden dürfte, da es keine, von glaubwürdiger Stelle, verifizierte Quelle gibt, auf der diese Informationen beruhen.

Das mag bei einem Flugzeugabsturz oder etwa dem Tod Michael Jacksons noch verschmerzbar sein, aber bei einem Fall mit weitreichenderen Folgen wird es kritisch. So wurde beispielsweise von Seiten Michael Seemanns (alias @mspro) getwittert, dass sein FAZ-Blog abgeschaltet wurde und auch die bisherigen Beiträge, des Blogs mit dem Namen »CTRL-Verlust«, nicht mehr abrufbar seien. Dies führte auf Twitter zu einem riesigen Shitstorm, da ein Blog mit enorm wertvollen Texten scheinbar ohne Vorwarnung gelöscht wurde und die Texte auf ewig im Datennirwana verschollen schienen. Das alles geschah innerhalb weniger Stunden und ohne auf eine Stellungnahme seitens FAZ.net zu warten. Ein qualifizierter Journalist hätte hingegen Kontakt  zu beiden Seiten aufnehmen und die Argumente gegenüberstellen müssen, um zu einer qualifizierten Meinung zu gelangen.

Hätte man eben jenen Schritt gemacht und auf die Stellungnahme gewartet, wäre einem klar geworden, dass Seemann mehrfach und trotz Verwarnung Creative-Commons-Bilder eingebunden hatte, die nicht für die kommerzielle Nutzung freigegeben waren. Da es sich bei FAZ.net jedoch um eine kommerzielle Internetseite handelt, verstieß Seeman gegen das Urheberrecht und die FAZ wäre als Betreiber dafür haftbar gewesen. Ob man dieses Blog, das meiner Meinung nach zu den Besten, die ich jemals gelesen habe, gehört wirklich hätte löschen müssen, ist sicher diskussionswürdig. Aber da die FAZ Seemann die Möglichkeit gegeben hat, die bereits veröffentlichten Texte an anderer Stelle erneut zu publizieren und die Löschung auf klare Fehler seitens des Bloggers zurückzuführen ist, wäre der Shitstorm (an dem ich mich auch beteiligt habe, da ich leider auch nicht immun bin) sicher nicht in dieser Größe passiert.

Aber auch dieser Fall ist nur eine kleine Geschichte. Wirklich schlimm ist, was momentan den Organisatoren der Loveparade widerfährt. Das Fehler in der Organisation passiert sind, will ich ja gar nicht leugnen. So wurden, obwohl direkt an das Veranstaltungsgelände eine gesperrte Autobahn angrenzte, die Menschen durch einen Tunnel geleitet, der gleichzeitig auch als Ausgang diente. Auch wurden Warnungen ignoriert, die diese Tragödie vorhergesagt hatten.

Aber ich war selber auf genug Festivals und Konzerten  um zu wissen, dass es sehr schnell zu einer Gruppendynamik kommt, die sich nicht mehr unter Kontrolle bringen lässt. So habe ich schon Arme und Beine neben mir brechen sehen, hatte einen sehr dicken Menschen eine sehr lange Minute auf meinem Gesicht sitzen und trug regelmäßig Prellungen davon. Da aber genau an dieser Stelle mein Wissen endet, werde ich mir weitere Kommentare über die Loveparade sparen. Und dass die meisten anderen Menschen, die Qualifikation besitzen, zu diesem Zeitpunkt weitere Schlüsse aus den vorhandenen Fakten zu ziehen, wage ich einfach mal zu bezweifeln.

Damit will ich nicht sagen, dass ein solcher Unfall einfach passieren kann, ohne dass darauf Konsequenzen folgen müssen. Die Verantwortlichen müssen mit Sicherheit zu Rechenschaft gezogen werden. Die Rücktrittsrufe gegenüber Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland sind jedoch fehl am Platz. So kann ich die Reaktion der CDU vor Ort durchaus nachvollziehen, die sagt, dass man sich erst an einer Abwahl* des OB beteiligen wird, wenn die Staatsanwaltschaft ihm Schuld nachweist. Da in Deutschland glücklicherweise die Unschuldsvermutung gilt, ist momentan noch niemand an der Tragödie schuld. Und das sollte das Internet respektieren und sich mit Schuldzuweisungen zurückhalten. Sonst passiert etwas wie im Falle Kachelmann, wo ein Mann, ohne dass ihm Schuld nachgewiesen wurde in der Öffentlichkeit (inklusive der deutschen Leitmedien) dermaßen fertiggemacht wurde, dass er sich für die nächsten Jahre nicht mehr im Fernsehen blicken lassen kann.

Auch der von mir eigentlich sehr geschätzte Radiomoderator Holger Klein (@holgi) fragte in seiner Radiosendung, wer denn nun ans Kreuz zu nageln sei. Meine Antwort ist: Das haben wir nicht zu entscheiden. Dafür haben wir glücklicherweise Gerichte und das muss so respektiert zu werden. Man darf gerne über die Fehler, die bei der Organisation der Loveparade gemacht wurden, diskutieren – um ähnliche Unglücke in der Zukunft zu verhindern. Was allerdings die lautstarke Meinungsbekundung im Internet betrifft: Geht sicher, dass ihr alle Fakten zum Thema habt, die ihr bekommen könnt und bildet euch dann die Meinung. Aber eine qualifizierte Meinung sollte dann auch preisgegeben werden, denn ein Denkanstoß hat noch niemandem geschadet.

*Dass eine Abwahl statt eines Rücktritts passieren soll, damit Sauerlands Pensionsansprüche nicht auf die ca 2500€ abfallen würden, die ihm aufgrund seiner Vergangenheit als Lehrer zustehen ist natürlich komplett daneben, hat aber mit seiner Verantwortung für den Unfall nichts zu tun.

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Titelbild von El Struthio unter dieser CC-Lizenz.



Über den Verfasser

Hagen Terschüren kommt aus der Nähe von Oldenburg und nutzt seine unablässige Unruhe und Neugier dazu aus alles zu hinterfragen, was er nicht versteht - sei es Politik, die Berichterstattung darüber oder auch ein Technikthema. Außerdem gibt es bei ihm eigentlich keine Zeit, in der keine Musik läuft.



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