Der Sozialwissenschaftler Oskar Negt hat dem Spiegel vor wenigen Wochen ein Interview gegeben. Dass ich erst jetzt darauf gestoßen bin, ändert nichts an der Tatsache, dass es äußerst lesenswert ist. Negt ist einer der prominentesten noch lebenden Vertreter der Kritischen Theorie und vertritt – zumindest meine ich das aus seinen Sätzen herauslesen zu können, er selbst würde sich vermutlich dagegen verwehren – einen modernen Linksliberalismus, der Kant und Marx unter einen Hut bringt und überkommene Begrifflichkeiten in eine neue Zeit transferiert:
Die Zeit der Barrikaden ist vorbei, Revolution ist ein Prozess, der nicht abschließbar ist. Was bloße Reform ist und was revolutionäre Veränderung, ist so einfach nicht zu unterscheiden. Ich verbinde den Revolutionsbegriff mit Strukturreformen des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Ohne kleine Schritte, ohne Veränderung im Alltag, ob in der Schule oder in der Familie, gibt es gar keine nachhaltige Entwicklung. Jeder ist aufgefordert, Risse und Widersprüche wahrzunehmen und sie auf ihre Veränderungsmöglichkeiten hin zu untersuchen, um sich dann für Alternativen stark zu machen. Das verstehe ich als Beitrag zur Verbesserung der Welt.
Dazu zählt dann wohl die Mitgliedschaft in Gewerkschaften, Umweltorganisationen und im Zweifelsfall auch der Jungen Union. Warum eigentlich nicht? In Zeiten, in denen ganze Gesellschaftsschichten selbstgerecht über Parteiendemokratie und vermeintliche Politikerkasten herziehen, ist es doch gar nicht so unrevolutionär, sich auf einer idealistischen Grundlage für eine Parteimitgliedschaft zu entscheiden.
Facebook
Foursquare
Google Reader
Last.fm
Twitter