Interview mit Nagel

Nagel war Sänger von Muff Potter. Ja, den Muff Potter. Momentan ist er mit seinem zweiten Roman auf Lesetour. Dieser heißt »Was kostet die Welt« und handelt von Meise, der 15 000€ von seinem Vater geerbt hat, die er für Reisen ausgeben will. Sein erster Roman heißt »Wo die wilden Maden graben« und dreht sich um das Musikerleben. Bei seiner Lesung in Bremen konnte ich ihm ein paar Fragen zu den Büchern stellen.

Was ist bei dem neuen Buch anders als bei dem davor?

Das ist  eine geile Standardfrage aus dem Bandkosmos. Als Autor wurde ich das noch nie gefragt. Vom ersten Buch wird ja immer angenommen, es sei rein autobiografisch, was so nicht stimmt. Es ist auch ein Roman und die beschriebene Tour hat es so nie gegeben. Man kann sich natürlich denken, wo ich vieles davon hergenommen habe, aber das ist  genau so ein fiktionaler Roman wie »On the road« von Jack Kerouac. Ich will mich hier natürlich nicht mit Weltliteratur vergleichen, aber da wurde auch immer angenommen, dass ihm das alles so passiert ist und in Wirklichkeit hat er da acht Jahre dran gearbeitet, damit es so wird wie es ist. Bei »Was kostet die Welt« ist der Unterschied, dass es eine stringente Handlung gibt und es ein, ein wenig klassischerer Roman ist.

Was denkst du, wenn behauptet wird, dass dein Buch einfach eine Nacherzählung des eigenen Lebens ist?

In gewisser Weise ist es eine Frechheit das anzunehmen, wobei ich natürlich weiß, dass es überhaupt nicht böse gemeint ist. Aber ich glaube jetzt beim neuen Buch ist es relativ offensichtlich. Da muss man schon jeden Wink mit dem Zaunpfahl nicht verstehen, um zu glauben, dass ich da einfach über mich schreibe. Also ich glaube dass jeder, der halbwegs aufmerksam das Buch liest merkt, dass ich mir da einen Hauptcharakter ausgedacht hab und auch Nebencharaktere, die zwar teilweise etwas von mir haben, wie es nunmal immer der Fall ist, aber denen ich biografische Züge weit von mir weise.

Wie komt man dazu neben der Band noch ein Buch zu schreiben?

Ich schreibe Bücher bestimmt nicht nebenbei. Also dass jemand in der Lage ist, ein Buch nebenbei zu schreiben möchte ich mal erleben. Das ist schon echt harte, lange Arbeit. Ich hab immer geschrieben. Ich hab in den Neunzigern ein Fanzine gemacht, das hieß »Wasted Paper«. Das hat so als normales Musik/Punkrock-Fanzine angefangen und am Ende ging es eigentlich nur noch am Rande um Musik. Es ging da schon viel um Erlebnisberichte, Poesie, fast schon Prosa kann man sagen. Ich hab auch immer schon zwischendurch Artikel für andere Fanzines und Magazine geschrieben. Ich habe eine Kolumne in dem Heft »Opak«. Ich hab immer Texte geschrieben. Ich hab immer Ttagebuch geschrieben. Also ich hab immer geschrieben. Von der Form her ist ein Buch natürlich schon etwas anderes und wesentlich umfangreicher, aber es war nicht so, als würde ich auf einmal anfangen zu schreiben. Das hab gemacht, seit ich einen Stift halten kann.

Wie bist du auf die Idee gekommen, die Single »Einen Abend Wahnsinn« aus dem Buch zu veröffentlichen?

Ich weiß jetzt nicht mehr genau, wie mir die Idee kam. Aber sie kam mir und dann war ich sehr angefixt davon, weil das meines Wissens noch nie jemand gemacht hat und die Dinge, die nie jemand vor einem gemacht hat sind sehr rar gesät. Es hat ja alles schon gegeben und natürlich ist die Idee allein schon so gut, dass man es dann auch machen muss. Es ist auch eine gute Herausforderung  zu sehen, ob man ein Buch singen kann oder rappen oder wie auch immer man das nennen will. Und das hat dann total Spaß gemacht und mir war klar, da mach ich auch ein Video zu. Das ist dann natürlich auch so eine Art Kommentar. Wenn man aus der Musikecke kommt, dann bekommt man ja immer schnell den Stempel »Popliteratur« aufgedrückt. Viele empfinden den als Degradierung, weil sie sich als Schriftsteller nicht ernstgenommen fühlen, was ich ein bisschen albern finde, denn ich interessiere mich nun einmal für Popliteratur. Musik ist ein wichtiger Bestandteil und es wäre total albern, wenn ich als Autor so tun würde, als wenn das nicht der Fall wäre. Und darum ist das auch ein bisschen Verteidigung. Statt mich gegen den Stempel  zu wehren, drehe ich die Popschraube einfach noch ein bisschen weiter nach rechts.

Ist das Tourleben als Autor ruhiger als das eines Musikers?

Ich empfinde das keineswegs als ruhig. Für mich ist der Tag – gerade weil ich alleine bin – noch vollgestopfter mit Sachen um die man sich kümmern muss. Und es gibt natürlich auch viel Zeit Alkohol zu trinken und sowas. Also ich empfinde es nicht als ruhiger. Für mich ist es eher noch mehr Input, noch mehr Reizüberflutung und ich wünsch mir zu Hause schon oft, dass der Tag sechs Stunden länger wäre. Jeder Tag. Oder, dass man irgendwie mit zwei Stunden Schlaf auskommen würde. Das wäre für mich ideal. Also ich habe wirklich selten so schlimme Langeweile, dass ich nicht wüsste was ich machen soll. Im Gegenteil: Ich frag mich immer, wie Leute ihren ganzen Krempel in einen Tag reinkriegen. Ich würde gerne noch mehr Zeit haben um zu lesen. Ich würde gerne noch mehr Zeit haben um mir die Städte anzugucken. Ich würde gerne noch mehr Zeit haben um einfach mal aus dem Fenster zu gucken. Ich empfinde das halt nicht als ruhig.

Über den Verfasser

Hagen Terschüren kommt aus der Nähe von Oldenburg und nutzt seine unablässige Unruhe und Neugier dazu aus alles zu hinterfragen, was er nicht versteht - sei es Politik, die Berichterstattung darüber oder auch ein Technikthema. Außerdem gibt es bei ihm eigentlich keine Zeit, in der keine Musik läuft.



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