Moderne Hexenjäger

Im Vorfeld des bayerischen Nichtraucherschutz-Volksentscheids sprach ich von einer Wahl zwischen Freiheit und Sozialismus. Falsch lag ich damit insofern nicht, als dass die Fronten zwischen Gegnern und Befürwortern auch Wochen nach der Abstimmung noch immer, ähm, verhärtet sind. Spiegel Online schreibt:

Frankenberger läuft durch die leere Passauer Fußgängerzone. Auf einer Bank sitzen Jugendliche und trinken Bier. Am Boden liegen zertretene Dosen. “Frankenberger, du Missgeburt!”, rufen die Teenager. Zwei Frauen wechseln die Straßenseite, als sie ihn sehen. Frankenberger wird gejagt wie eine Hexe. Er erhält Morddrohungen. Seine Gegner beschreiben, wie sie ihn verbrennen möchten. Sie drohen, ihn zu erschießen. In Passau kleben Plakate an den Hauswänden: “Tötet Frankenberger”. Der Politiker geht nicht mehr ohne Pfefferspray vor die Tür.

Das Schlimme daran: Verantwortlich für solche Drohungen sind Menschen, die im Wahlkampf noch als liberale Freiheitskämpfer auftraten, davon jetzt aber nichts mehr wissen wollen, stattdessen ihre intolerante, antidemokratische Fratze zeigen und eine moderne Hexenjagd anzetteln.

Anklickempfehlungen

In den vergangenen Tagen ist in meiner Evernote-Ablage einiges aufgelaufen, das ich an dieser Stelle teilweise zusammenfassen möchte. Den Rest gibt es dann noch ausführlicher. Demnächst. Irgendwann.

  • Marcel-André Casasola Merkle (sic!) und Agnes Lison haben Flattr ausgedruckt, also den Button. Und sie haben ihn dann in München aufgehängt: an Fahrrädern, Verkehrsschildern, Spielgeräten… aber seht selbst.
  • Die Broken Bells haben anlässlich ihrer neuen Singleauskopplung “October” anstatt eines normalen Videos eine interaktive Reminiszenz an Windows-95-Bildschirmschoner veröffentlicht. Zumindest kommt es mir so vor. Interessant.
  • Bei Netflix in den USA dürfen die Mitarbeiter in Zukunft Urlaub machen wann und wie lange sie wollen. Spiegel Online bezeichnet das als “Traum aller Arbeitnehmer”. Ich bin da etwas skeptischer: Letztlich wird es auch dort so sein, dass im Zweifelsfall derjenige besser gestellt ist, der (subjektiv) mehr leistet. Und das ist dann eben gerade nicht derjenige, der statt 25 Tagen 60 Tage Urlaub nimmt.
  • Die einzige Serie im Privatfernsehen, die ich in vergangenen Jahren angeschaut habe, war Rach, der Restauranttester. Die Umsetzung war im Gegensatz zu dem sonstigen Schund, der dort läuft, fast immer gelungen und man hatte doch das Gefühl, dass es Christian Rach nicht nur um die Quote ging, sondern eben auch um die Menschen. Nach diesem Interview mir der Süddeutschen Zeitung verfestigt sich dieser Eindruck noch.

Der neue Mainstream?

Hier schrieb Pascal:

Mainstream vor 10 Jahren, das waren Backstreet Boys, *NSYNC und Britney Spears. Von Stereotypen durchsetzter, unerträglicher Plastikpop. Mainstream 2010 dagegen ist [...] Musik, die vor 10 Jahren vermutlich noch in den undergroundigsten Clubs gelaufen wäre, heuer [...] aber konsensfähig geworden ist.

Das halte ich für eine sehr gewagte These. Ich bekomme, da ich nicht fernsehe und nur extrem selten Radio höre, den sogenannten Mainstream immer nur in Fragmenten mit. Und wenn doch, dann begegnen einem »Künstler« wie Ke$ha: Generisches blondes Mädchen von der Straße, zwei Wochen nicht geduscht, der Gesang bis zur Unkenntlichkeit autogetuned. Außerdem befinden sich in den MTV-Europe Charts der Kalenderwoche 30:

  • Lady Gaga (»Ich kann musikalisch nichts neues Vorweisen, darum zieh ich mir komische Sachen und habe vielleicht einen Penis, oder auch nicht«)
  • David Guetta (»Guckt alle her! Ich kann generischen House produzieren, der sich durch nichts hervorhebt«)
  • Justin Bieber (»Ich bin ja so süüüüß. Ich sehe aus wie jeder andere 12-Jährige und wenn ihr mich disst, dann machen meine Groupies euch fertig«)

Das waren jetzt natürlich die Negativbeispiele, die ich rausgesucht habe. Aber was an dem Scheiß besser sein soll, als an dem von Pascal beschrieben »Plastikpop« der 90er, soll mir bitte jemand erklären. Weiterlesen…

Robyn – Dancing on my own

Ein wenig komisch ist es ja schon jetzt und hier auf einmal über Mainstream-Musik zu schreiben. Wobei: Vermutlich ist das gar nicht so schlimm. Der Mainstream des Jahres 2010 unterscheidet sich schließlich fundamental von dem, was noch vor 10 Jahren darunter verstanden wurde.

Mainstream vor 10 Jahren das waren Backstreet Boys, *NSYNC und Britney Spears. Von Stereotypen durchsetzter, unerträglicher Plastikpop. Mainstream 2010 dagegen ist Robyn. Musik, die vor 10 Jahren vermutlich noch in den undergroundigsten Clubs gelaufen wäre, heuer ob der ungeheuren Fragmentierung im Zuge der Digitalisierung des Musikbusiness aber konsensfähig geworden ist. So konsensfähig, dass ich euch einen Song empfehle, der in dieser Woche sicher bereits bei jedem privatem Radiosender in diesem Land gelaufen ist: “Dancing on my own” von eben dieser schwedischen Künstlerin Robyn.
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Fernsehtipps an Regentagen

Bevor sie schon bald wieder depubliziert werden,  hier noch der Hinweis auf zwei sehenswerte ARD-Reportagen:

  • Die Kik-Story gewährt Einblicke in ein aggressives Produktions- und Vertriebssystem: Näherinnen in Bangladesh werden mit Hungerlöhnen abgespeist, Verkäuferinnen in Deutschland ausspioniert und kritische Medien auf Distanz gehalten.
  • Steinbrücks Blick in den Abgrund: Macht und Ohnmacht eines Krisenmanagers, zeichnet das Bild eines Politikers, der dem Rest seines Berufstands zwar nicht opponierend gegenübersteht, sich aber in Stil, Sprache und Charme doch deutlich vom blassen Rest abhebt.