
Wir leben hier in einem Land mit Meinungsfreiheit. Das ist schön. Ich sage gerne meine Meinung. Wir leben hier in einem Land, in dem Menschen glauben, dass etwas von sich geben gleichbedeutend mit dem Äußern einer Meinung ist. Das ist weniger schön. Mit Menschen die glauben eine Behauptung, die sie nicht begründen können, sei eine Meinung lässt sich allgemein schwer diskutieren. Weil nur wenn man fundiert über etwas reden kann, hat eine Diskussion überhaupt einen Zweck. Nächstes Problem. Wir leben in einem Land, in dem Diskussionen mit Streit verwechselt werden. In einer guten Diskussion geht kann es hitzig zugehen. Wenn man aber auf die Argumente des anderen eingeht, dann kann dies zu Produktiven Ergebnissen führen. Dann ist da das Internet. Es ist bietet ungeheures Potenzial durch Kooperation. Aber auch ungeheuer destruktive Fähigkeiten. Bestes Beispiel ist 4chan. Aber für alles gibt es einen Platz.
Was ich am Internet mag ist eigentlich, dass direkte Kommunikation so einfach ist wie nie zuvor. Den Autoren eines Blogposts anschreiben? Kein Problem. Den Autor einer großen Zeitung? Viel Erfolg dabei. Nun hat im Internet wie gesagt alles seinen Platz. Gerade ich sollte darüber sehr dankbar sein. Denn hier im Blog kann ich – vermeintlich – seriös schreiben, meine Meinung darlegen und vielleicht auch in den Kommentaren darüber diskutieren. Bei Twitter bestehen meine Beiträge aus Adolf Hitler, Essen, Sex und Alkohol. Das ist okay. Ich kann darüber lachen und wer es auch kann, kann mir einfach folgen. In diesem Blog würde ich nie so schreiben. Das ist okay. Wem der Stil hier gefällt kann es sich in seinen Feedreader legen und so dem Blog folgen.
Das Problem im Internet sind aber Menschen, die nicht differenzieren können. Wenn ich etwas Dummes in Twitter schreibe, dann ist das so. Ihr könnt mir eben folgen oder es lassen. Wenn ich im Blog etwas schreibe gilt das auch. Nun gibt es aber auch die Möglichkeit darauf einzugehen. Bei Twitter ist das mit Replys möglich, hier mit Kommentaren. Nun geht es hier eigentlich immer sehr angenehm zu, doch das ändert sich mit zunehmender Größe einer Seite. Ein schönes Beispiel dafür ist meiner Meinung nach das Blog von UARRR. Man kann seinen Stil mögen oder nicht, darum soll es gar nicht gehen. Er hat aber jetzt die Möglichkeit eingebaut für bestimmte Artikel die Kommentare deaktivieren zu können. Ich verstehe das – obwohl ich großer Verfechter der Meinungsfreiheit bin – vollkommen. Denn durch Replys und Kommentare werden einem »Meinungen« aufgezwungen. Ich finde es sehr schön von wildfremden Menschen zu hören, wenn sie sich mit dem von mir Gesagten auseinandersetzen. Wenn sie es denn machen. Denn gerade auf Twitter bekomme ich regelmäßig Replys, deren Dummheit einem die Tränen in die Augen treibt. In großen Blogs sieht man das auch immer gut in den Kommentaren. Wenn man die Urheber dieser Dinge dann darauf anspricht, dann bekommt man regelmäßig etwas von »Das wird man wohl noch sagen dürfen« zu hören. Klar darf man das sagen. Ich bin nicht gezwungen mir das anzuhören. Nichts gegen fremde Meinungen. Wenn sie fundiert sind auf auf mich eingehen, dann können sie mich ungemein bereichern. Aber häufig bekommt man das Gefühl einem wird einfach die Zeit gestohlen.
Das Argument hört man übrigens auch immer gerne bei Rechtspopulisten. Sarrazin war ein schönes Beispiel. »Das wird man wohl noch sagen dürfen.« Genau, darf man. Aber Meinungsfreiheit heißt eben nicht Zuhörpflicht.
(Titelbild von hdzimmermann unter dieser CC-Lizenz)
Ich weiß nicht, ob es an mir liegt oder meine Beobachtungen doch zutreffen. Ich kann nur schwer mit dem Finger drauf zagen und sagen, wo das Problem liegt. Noch weniger kann ich den Grund dieses Gedankens ausmachen. Und am allerwenigsten kann ich in einem catchy Stichwort beschreiben was ich meine.
Aber ich habe da so ein Gefühl. Mein Gefühl sagt mir, dass wir Deutschen popkulturelle Schlappschwänze sind. Vielleicht mag es daran liegen, dass ich meine popkulturellen Referenzen seit Ewigkeiten nicht mehr aus dem deutschen Fernsehen beziehe. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass es dort gar keine (mehr) gibt? Wie gesagt, ich kann nur schwer mit dem Finger drauf zeigen, aber ich kann ein paar Geschichten erzählen.
Die erste Geschichte passierte vor rund einer Woche, als Twitter sein fünften Geburtstag feierte. Während Twitter-Gründer im amerikanischen Late-Night auftreten, brüskiert sich die deutsche Presse über den twitternden Regierungssprecher. Ich will damit nicht sagen, dass wir in Deutschland unter einem Stein leben und keine Ahnung von Twitter haben. Ich will damit nur sagen, dass wir in Deutschland hinter dem Mond leben und keine Ahnung vom Internet haben. Während jenseits des großen Teichs Filme über Facebook gedreht werden (und auch noch hervorragend sind!) versucht man im deutschen Fernsehen mit hippen “Touchscreen”-Schwindeleien den Zuschauer zu verarschen.
Die zweite Geschichte hat ihren Ursprung ebenfalls im Late-Night. Während Conan O’Brien im Studio eine Real-Life-Version von Angry Birds spielt und die YouTube-Kultur parodiert, wird in Deutschland YouTube ad absurdum geführt. Und überhaupt, warum haben die Amis so viele Late-Night-Shows, in denen zu allem Überfluss auch noch Videospiel-Entwickler die neusten Blockbuster vorführen, während wir Harald Schmidt seit Jahren beim rentnern zuschauen und parallel noch immer Videospiele als Teufelszeug verteufeln?
Die dritte Geschichte bezieht sich auf das deutsche Fernsehen als Ganzes bzw. auf die Unfähigkeit eigene Formate zu entwickeln. Ich kenne kein Format außer “Genial Daneben”, “Dittsche” und vielleicht, mit geschlossenen Augen und Ohren noch “Wetten dass…?” das in irgendeiner Weise seinen Ursprung in Deutschland hätte. Alles, was wir hier im Fernsehen gucken vermeiden ist furchtbar unoriginell.
Vielleicht liegt es ja wirklich nur an mir. Vielleicht habe ich tatsächlich Wahrnehmungsstörungen und lebe zu sehr in meiner eigenen Medienblase. Vielleicht haben wir aber tatsächlich keine popkulturell relevante Medienlandschaft in Deutschland.
Aber ganz hundertprozentigsicher haben wir keine Ahnung vom Internet!
Die Grünen haben am vergangenen Sonntag Geschichte geschrieben. Sie haben nicht nur Baden-Württemberg nach 48 Jahren von der CDU befreit, sondern stellen gleichzeitig zum ersten Mal in der Geschichte der BRD einen eigenen Ministerpräsidenten. Respekt für diese Leistung.
Fragt man die Beobachter der Wahl und/oder die Freunde der CDU, dann ist die Erklärung für dieses Ergebnis klar: Fukushima (übrigens schon jetzt mein Favorit für das Wort des Jahres 2011, dicht gefolgt von “Abklingbecken“). Dem Spreeblick-Johnny ist das zu kurz gedacht und auch für meinen Geschmack macht man sich die Welt mit dieser Erklärung zu einfach.
Natürlich hat die Umwelt-Katastrophe in Japan viele Wähler ein grünes Kreuzchen machen lassen. Das heißt aber nicht, dass – um das vergangene Unwort des Jahres aufzugreifen – diese Wahl alternativlos war. Hätte die Bundesregierung nach der Katastrophe eine klare, ehrliche und vor allem demütige Haltung im Zuge der aktuellen Atomdebatte eingenommen, vielleicht hätte die Wahl dann weniger historische Konsequenzen gehabt. So ist die Schuld aber eben auch in den eigenen Reihen zu suchen. Nicht erst die öffentliche Äußerung Brüderles hat den Wähler grün wählen lassen, sondern die Tatsache, dass man mit dem dreimonatigen Moratorium offensichtlich für dumm verkauft werden sollte. Die Bundesregierung hätte die Möglichkeit gehabt und deshalb nützen müssen, den eigenen Fehler der Laufzeitverlängerung zu korrigieren. Man hätte sich als endgültige Atomausstiegsregierungskoalition (ich liebe die deutsche Sprache!) profilieren können und der vergessliche Wähler hätte es vielleicht sogar geglaubt.
Natürlich hätte es wieder Kritik von allen Seiten gehagelt, wenn die Bundesregierung die eigene Position in der Atomdebatte grundlegend geändert hätte. Doch wenn es wie in diesem Fall die richtige Entscheidung ist, kann man mit einer nach dem Wind ausgerichteten Fahne sehr gut leben. Besser, als mit offensichtlichem Wahlkampfgeplänkel.

Clickclickdecker ist anders. Er ist zwar beim Label Audiolith unter Vertrag, macht aber keine elektronische Musik. Er arbeitet zwar viel mit Akustikgitarre, aber er ist auch kein klassischer Singer/Songwriter. Der Mann, der eigentlich Kevin Hamann heißt, hat seinen ganz eigenen Stil kreiert. Auf seinen Alben meist mit Band zu hören, ist er live häufig mit reduzierter Begleitung unterwegs. So auch am 25. September 2009 auf dem Reeperbahnfestival in Hamburg. Zwei Menschen stehen auf der Bühne und schaffen es die Fliegenden Bauten in ihren Bann zu ziehen – Kevin Hamann und Oliver Stangl. Dieser ist eigentlich Gitarrist in der Clickclickdecker-Band, macht hier aber alles mögliche als Begleitung. Und genau dieses Konzert ist auf Du ich wir beide zu den Fliegenden Bauten zu hören.
Eines vorweg – ich bin eigentlich kein großer Freund von Livealben. Sie schaffen es eigentlich nie, die Magie eines echten Konzertes einzufangen. Eigentlich ist das auch hier so. Eigentlich. Denn irgendwie ist es gelungen eine Atmosphäre einzufangen, die zwar nicht an ein tatsächliches Konzert herankommt, aber schon verdammt nah dran ist. Die extrem reduzierten Versionen stehen den Liedern gut. Nie hat man das Gefühl, dass irgendein Instrument fehlen würde. Kevin Hamann trifft nicht jede Note, aber das ist in diesem Fall positiv gemeint. Seine Stimme fängt einen ein, wie es kaum einem anderen Künstler gelingt. Die Emotionen die er zu vermitteln weiß sind beeindruckend. Das gleiche gilt für die Texte. Manchmal sind sie etwas holprig, wirken dadurch aber einfach authentisch. Es wird viel mit Metaphern und auf einer Metaebene gearbeitet und trotzdem hat man immer das Gefühl, genau zu verstehen, was er einem sagen will.
Wenn es ein Livealbum gibt, das ich als Pflichtkauf einschätzen würde, dann ist es dieses hier. Ab dem ersten April steht es dann in den Läden.
Die durch die Ereignisse in Japan erneut aufgebrachte Diskussion über die Sicherheit von Kernkraft ist eine höchst spannende. Spannend deshalb, weil sie auf vielen Ebenen geführt wird und erneut eine menschliche Unart aufzeigt: Das Undenkbare zu bedenken.
Wir Menschen sind seit jeher auf Technologie angewiesen, erst die Abhängigkeit von Werkzeugen macht uns unabhängig von der Natur. Doch statt diese Tatsache in einer tiefen Demut anzuerkennen, vergessen wir oftmals, wie hilflos und entfremdet wir ohne unsere Werkzeuge sind. Der technische Fortschritt und die industriellen Meisterleistungen steigen uns nur zu gern zu Kopf.
Die Titanic war eine Meisterleistung der Schifffahrt, ein unsinkbares Statussymbol, das sich heute auf dem Grund des Meeres befindet. Die Hindenburg war ein Aushängeschild des deutschen Reiches und ging in Flammen auf. Nach einer Explosion mit anschließender Kernschmelze kam es im Kernkraftwerk Tschernobyl zu einer der schlimmsten Umweltkatastrophen der Geschichte. Alle drei Einzelfälle sind Beispiele für die verheerenden Folgen menschlicher Ignoranz.
Eine ähnliche Ignoranz, die sich dieser Tage in den Äußerungen so mancher Politiker wiederfindet. Frau Merkel spricht davon, dass “unsere Kernkraftwerke [...] nach Maßgabe dessen, was wir wissen, sicher [...]“ sind. Und natürlich sind sie das. Wir wissen, dass sie sicher sind, weil sie uns nicht gerade um die Ohren fliegen oder davonschmelzen. Aber genau dieser Punkt, die Beharrung auf den Status Quo, zeigt, dass wir nicht allein von diesem ausgehen können. Nicht umsonst muss vor dem “Größten anzunehmenden Unfall” noch das Wörtchen “super” gesetzt werden, damit man das Undenkbare beschreiben kann.
Auch die Amerikaner sind sich ihrer Position sicher. Die Reaktoren dort sind ebenfalls “sicher”, natürlich halten sie auch “einem schweren Erdbeben” stand. Dass aus einem “schweren” Erdbeben leicht ein “sehr schweres” Erdbeben werden kann, und dass die Japaner vor einer Woche sicherlich ähnlich überzeugt gewesen wären, wird ignoriert.
Der Mensch ist schon ein merkwürdiges Tier. Er denkt so lange nicht an Wölfe, bis er einen sieht. Dann werden eilig Moratorien einberufen, Untersuchungen angetrieben und Vorkehrungen getroffen. Alle schreien “Wolf!”, bis der nächste Wahlkampf vorüber ist. An Grizzlybären denkt er in der Zeit aber nicht…
