Nach Nordrhein-Westfalen

Nach Nordrhein-Westfalen

13 270 933 Wahlberechtigte waren gestern in Nordrhein-Westfalen aufgerufen einen neuen Landtag zu wählen. 5 398 071 Bürger haben von ihrem Wahlrecht keinen Gebrauch gemacht. So what? Selbst schuld! Nein, nach dem gestrigen Wahlabend kann ich jeden Einzelnen von ihnen verstehen. Müsste ich am kommenden Sonntag abstimmen, ich würde mich weigern. Guten Gewissens könnte ich nirgendwo mein Kreuz setzen.

Wie auch? Eine SPD, die ihr schlechtestes Wahlergebnis seit 1954 (sic!) einfährt und sich nur deshalb, weil sie weniger Wähler als die massiv abgestrafte CDU verloren hat, als Sieger feiert? Von einer solchen SPD würde ich erwarten, dass sie sich am Wahlabend hinstellt und eingesteht, dass man es nach dem katastrophalen Ergebnis von 2005 noch weniger geschafft hat die Bürgerinnen und Bürger von der eigenen Politik zu überzeugen. Stattdessen Jubelperser in den Parteizentralen und eine Spitzenkandidatin, die offenbar unter Realitätsverlust leidet, wenn sie aus einem katastrophalen Ergebnis die Botschaft heraus liest, die SPD sei wieder da. Man muss es euch dreckig gehen, denkt man sich.

Immerhin: Bei der CDU fiel die Niederlage so verheerend aus, dass selbst dem bestbezahlten Medienberater offenbar nichts mehr eingefallen ist um das Ergebnis schön zu reden. Gleichzeitig sitzt man einigermaßen empört und mit offenem Mund da, wenn wenige Minuten nachdem die Wahllokale geschlossen wurden aus Berlin die Nachricht über den Äther kommt, Angela Merkel habe große Teile des Kabinetts zu einem Krisengipfel geladen, weil die Gefahr bestünde, dass der Euro dem Druck der Finanzmärkte am nächsten Morgen nicht mehr standhalten könnte. Als hätte die Regierung das nicht bereits am Freitagabend gewusst. Reiner Wein – das wäre es, denkt man sich.

Die Grünen hätten mit einem Rekordergebnis eigentlich genügend Grund zu feiern gehabt. Doch anstatt sich beim Wähler zu bedanken, bringen es dort führende Mitglieder der Bundespartei fertig, Wähler der Linken und der Piratenpartei den Schwarzen Peter für das Nichtzustandekommen einer Rot-Grünen-Koalition zuzuschieben. Hättet ihr mal ehrliche Sozial- und Netzpolitik gemacht, denkt man sich. Weiterlesen…

State of Play (2009)

State of Play (2009)

Stephen Collins (Ben Affleck) ist ein junger, aufstrebender, republikanischer Politiker und die Hoffnung seiner Partei. Doch plötzlich hat er ein Problem: Seine Assistentin und heimliche Geliebte wird ermordet, woraufhin eine Reihe an brisanten Geheimnissen ans Licht kommt.  Unter anderem recherchiert sein Kumpel Cal McAffrey (Russell Crowe), Enthüllungsjournalist des Washington Globe, in der Sache. Ein gefährlicher Kampf um Informationen, Macht, Geld und Freundschaft beginnt.

Russell Crowe spielt einen Journalisten, vermutlich ist schon Grund genug den Film zu sehen. Ansonsten sei gesagt, dass das Machwerk in 122 Minuten ein beeindruckend ehrlich-stringentes, wenngleich auch postmodernes Bild des US-amerikanischen Journalismus bietet. Journalismus, so eine Kernthese des Films, funktioniert auch Jahrzehnte nach Watergate noch, wenn auch unter erschwerten Bedingungen. Und: Online-Journalisten sind nicht Journalisten zweiter Klasse. Hooray (Bewertung: 8/10 Punkten)!

Idiocracy (2006)

Idiocracy (2006)

Joe und Rita sind absolute Durchschnittstypen. Deshalb werden sie von der US-Army für ein Experiment ausgewählt. Sie sollen ein Jahr lang eingefroren werden um zu testen ob Menschen für die Zukunft konserviert werden können. Doch kurz nachdem das Experiment begonnen hat, wird der Leiter wegen eines Sexskandals festgenommen und die Eingefrorenen geraten in Vergessenheit. Bis ins Jahr 2505: Durch einen Zufall öffnen sich die Kältekammern und Joe und Rita finden sich – zunächst getrennt voneinander – in einer völlig anderen Welt wieder: Die Gesellschaft ist verblödet, dekadent und anmialisch, weil sich über die Jahrhunderte im Survival of the Fittest intelligente Menschen nicht durchsetzen konnten.

Die Durchschnittstypen Joe und Rita müssen von nun an damit klar kommen, dass sie mit Abstand die intelligentesten Menschen auf einem Planeten voller Idioten sind und dass zu viel Intelligenz auch eine Gefahr sein kann, weil die Erwartungen umso größer sind.

Die Idee hinter diesem Film hätte Grundlage für eine tolle Science-Fiction-Komödie sein können. Leider wurde nicht allzu viel daraus gemacht: Die Gesellschaftskritik, eigentlich ein zentrales Anliegen des Films, kratzt zu sehr an der Oberfläche und ist zu keinem Zeitpunkt wirklich politisch. Die Pointen wiederholen sich. Beim ersten Mal schmunzelt man noch, das war’s aber auch schon. Die Protagonisten sind zu oberflächlich angelegt, wodurch ihr Handeln zunehmend unglaubwürdig wirkt. Bei einer Gesamtdauer von nur 81 Minuten hätten ein paar extra Minuten Character Building gut getan. Fazit: Eine originelle Idee, mehr aber auch nicht (3/10 Punkten).

This is England (2006)

This is England (2006)

Shauns Vater ist im Falklandkrieg gefallen. Nicht unproblematisch für den 12-Jährigen: Eine fehlende Vaterfigur, finanzielle Sorgen der Mutter und damit einhergehend Hänseleien in der Schule. Als der Junge eine Gruppe Skinheads kennenlernt, ändert sich das. Glatze, Doc Martens und Hosenträger werden zu Merkmalen seiner peer group. Alles ist gut bis der 32-Jährige Combo, ebenfalls Skinhead, aus dem Knast entlassen wird. Combo steht politisch rechts und spaltet damit Shauns Bezugsgruppe in einen unpolitischen und einen politischen Teil. Shaun schließt sich – einerseits, weil Combo ihn gezielt manipuliert und andererseits, weil er in Combo eine Vaterfigur findet – dem politischen Teil der Gruppe an. Es folgt eine Teilnahme an einer Parteiveranstaltung der BNP, eine Überfall auf einen pakistanischen Supermarkt und schließlich eine hinterhältige Attacke Combos auf den dunkelhäutigen Skin Milky, der dabei beinahe sein Leben lässt.

“This is England” ist ein Antikriegsfilm, der eigentlich gar keiner sein will. Regisseur und Drehbuch-Autor Shane Meadows zeigt Kriegsszenen nur im Vor- und Abspann, ansonsten geht es die ganzen 100 Minuten um das Ende von Shauns Kindheit und die englische Skinhead-Kultur der frühen 1980er Jahre. Dennoch sitzt man am Ende des Films vor dem Bildschirm und denkt eher darüber nach was Krieg mit Kindern anstellt, als darüber inwiefern übersteigerter Nationalismus Jugendliche Skinheads in ihrer Entwicklung beeinflusst. Dennoch authentisch und unterhaltsam (Bewertung: 7/10 Punkten).

Die Fremde (2010)

Die Fremde (2010)

Umay flieht. Die 25-Jährige schnappt eines Tages ihren Sohn, nimmt von Istanbul aus den Flieger nach Berlin, lässt in der Türkei ihren gewalttätigen Mann sowie dessen Familie zurück. Bei ihrer Familie in Berlin angekommen, beginnt für die aufgeklärte Deutsch-Türkin ein Kampf gegen überkommene Rollenbilder, jahrhundertealte Traditionen und eine vom Patriarchat geprägte Parallelgesellschaft, letztlich sogar der Kampf ums Überleben.

Ein erschreckend aufrichtiger Film. Produzentin, Regisseurin und Drehbuchautorin Feo Aladag versucht gar nicht erst Schuldzuweisungen oder Erklärungsmuster für das Handeln der Akteure zu liefern. Das macht den Film zwar nicht einfacher, dafür aber ehrlicher.

Obwohl der Film brutal endet, ist er wahrscheinlich noch zu optimistisch: Ulmay findet in Berlin schnell Arbeit, kommt in einem Frauenhaus unter, kann ein Abendgymnasium besuchen und nebenbei einen Sohn großziehen. Sie trifft während der gesamten 119 Minuten auf keine nennenswerten Widerstände der Mehrheitsgesellschaft. Die Berliner, Frankfurter oder Münchener Wirklichkeit für Migranten dürfte anders aussehen (Bewertung: 9/10 Punkten).