
Der Name eou sagt wahrscheinlich vielen nichts, aber das Rapduo aus Hamburg und Husum feiert gerade sein zehnjähriges Bestehen. Und passend zu dem Anlass haben sie ein neues Album veröffentlicht. Das auf 120 CDs limitierte Stück trägt den passenden Namen »WIRSIND10« und kann auf der Homepage von eou bestellt werden.
Wer den Kauf scheut, für den gibt es eine abgespeckte Version als Gratisdownload. Abgespeckt heißt in diesem Fall 14 Songs und es lohnt sich auf jeden Fall da mal reinzuhören. Einige Stücke könnte man noch aus dem ebenfalls gratis verfügbaren Album eoulution vol. 2 kennen, was aber nicht heißt, dass es keine in sich stimmige Platte ist. Der Mix auf WIRSIND10 ist eine Mischung aus Battlerap, der jedoch nicht auf übliche Gangsterklischees zurückgreift und ernsten Songs, wie die »Alleine zusammen«. Und gerade da liegt die Stärke von eou. Denn gerade klassischem Rap, wie Crusoe und Snew in abliefern, fehlt häufig der Tiefgang in den Texten. Und gerade in Zeiten, in denen der deutsche Hiphop sich in einem starken Wandel befindet, ist es ganz angenehm auch noch klassischen Rap zu hören, der nicht vor Klischees trieft (auch wenn sie nicht immer darauf verzichten). Der Download der Free-Version von WIRSIND10 lohnt sich also auf jeden Fall. Und nach dem Hören der Version kann man auch über einen Kauf der »Vollversion« des Albums nachdenken. Den Preis von sieben Euro ist ist alleine das Stück »Fußmatte« schon wert.

Die Meisten werden mitbekommen haben, dass René Walter seine Domain nerdcore.de an den Internetdienstleister Euroweb verloren hat. Inzwischen ist auch klar was vorgefallen ist. René bezeichnete Euroweb auf seinen Blog unter anderem als Arschgeigen. Das Unternehmen ging gegen diese Äußerungen vor und verschickte eine Abmahnung. René reagierte darauf nicht, da er nach eigenen Angaben zu dieser Zeit damit beschäftigt war, seine kranke Mutter zu pflegen. So bekam er auch nicht mit, dass Euroweb vor Gericht zog und Recht bekam. Nun stand dem Unternehmen eine Entschädigung zu und Walter bekam es nicht mit. Die letzte Rate traf daraufhin zu spät ein und Euroweb ging seinem gesetzlichen Recht nach und ließ die Domain Nerdcore pfänden.
Rechtlich scheint also alles einen legitimen Weg zu gehen und viele die beim ersten Shitstorm auf Twitter und in Blogs dabei waren sagten plötzlich, dass René ja selber schuld sei. Doch diese Vorgehenweise ist heuchlerisch. Es ist ja nun einmal nicht so, dass die Internetgemeinde sonst Ruhe geben würde, nur weil es Gesetz ist. Thierse wurde gefeiert, weil er zivilen Ungehorsam leistete. Auch beim Thema Stuttgart 21 war die rechtliche Legitimität des Bahnhofs gegeben – Trotzdem gab es Protest. Nun ist der Verlust eine Domain natürlich nicht in der gleichen Größenordnung, doch trotzdem ist die Pfändung eines »Gegenstandes«, der einen schätzungsweise nicht unerheblichen Teil des Lebensunterhalts beisteuerte moralisch extrem fragwürdig. Und genau darum sollte es gehen.
Niemanden interessiert wirklich die rechtliche Lage. Und das nicht nicht schlimm. Wichtig ist, ob das Handeln ethisch vertretbar ist. Und jemandem etwas wegzunehmen, weil man Arschgeige genannt wird erinnert mich stark an das Verhalten eines Kindergartenkindes. »Du hast mich doof genannt, darum nehme ich dir deinen Bagger weg.« Ich will nicht in Abrede stellen, dass auch René nicht gerade wenig Fehler gemacht hat. Man haut nicht einfach Beleidigungen raus. Aber ob man deswegen rechtliche Schritte einleiten muss, ist – um es diplomatisch auszudrücken – diskutabel. Denn nicht alles was gesetzlich erlaubt ist, sollte auch genutzt werden. Ich erinnere nur daran, wie stark immer alle gegen die Regierung wettern, wenn sie mal wieder Gesetze durchdrücken, die zwar nicht gegen das Grundgesetzes verstoßen, aber stark an die Grenzen dessen reichen. Gerade ein harmloses Thema wie der Streit bei Nerdcore gehört eigentlich unter vier Augen gelöst. Und beide Seiten sollten aufhören sich öffentlich Beleidigungen um die Ohren zu hauen.
(Titelbild von Schönemann unter dieser CC-Lizenz)
Adolar ist eine Band, die mich schon mit ihrer ersten EP »Planet Rapidia« extrem beeindruckt hat. Die drei Titel auf der 7″ (vier in der digitalen Version) zeugten von einer Reife, die viele Bands erst nach Jahren erreichen. Musikalisch am ehesten mit Muff Potter zu vergleichen, schafften sie es schon mit diesen wenigen Liedern ein Spektrum abzudecken, das mich dazu veranlasste damals schon große Hoffnungen in sie zu setzen. Der Vergleich mit Muff Potter ist auch eher unzureichend, denn Adolar haben es geschafft einen ganz eigenen Stil zu kreieren. Umso erfreulicher war es, dass ihr Debutalbum »Schwörende Seen, Ihr Schicksalsjahre!« aus dem letzten Jahr auch über die Zeit einer Langspielplatte viele frische Ideen bot. Und nicht nur ich bin der Meinung, dass die vier Jungs damit eines der besten Alben 2010 hingelegt haben. Die Unclesally*s bezeichnete Adolar kürzlich sogar als Hoffnung des Deutschpunks. Und genau zu dem Thema hatte ich die Chance im Rahmen eines Radiointerviews mit Jan von Adolar zu sprechen. Hier das Ergebnis:
Chinesische Behörden haben am Dienstag das Atelier des chinesischen Künstlers und Regimekritikers Ai Weiwei abgerissen. Begründung: unsachgemäße Nutzung. Das ist keine Randnotiz. Ai WeiWei wirft in seinen Werken die richtigen Fragen auf, ist einer der letzten unabhängigen Köpfe in der chinesischen Öffentlichkeit, wird auch außerhalb von China entsprechend wahrgenommen. Seine Ausstellung im Münchener Haus der Kunst im vorvergangenen Jahr war ein voller Erfolg. Die Feuilletons waren begeistert, das Publikum auch. Höchste Zeit entgeistert zu sein.

Auch wenn ich denn Begriff »Krieg«, den Christian Sieckendieck von F!XMBR in diesem Beitrag verwendet für übertrieben halte, da sich glücklicherweise wohl keiner von uns die Leiden eines echten Krieges auch nur annährend vorstellen kann, halte ich die grundsätzliche Aussage des Artikels für nicht falsch. In letzter Zeit haben »wir«, also die Leute, die täglich aktiv am Internetleben teilnehmen, einen nicht endenden Kampf gegen Politiker geführt. Sei es bei der Vorratsdatenspeicherung, den Stoppschildern im Netz oder anderen Dingen, die unsere persönliche Freiheit und vorallem die öffentliche Freiheit einschränken sollen. Und in manchen Dingen wurden auch Teilerfolge erzielt, notfalls auch unter Zuhilfenahme des Bundesverfassungsgerichts. Doch ein Problem fällt vielen nicht auf, weil sie sich nur unter Ihresgleichen bewegen: Die breite Masse bekommt von all dem kaum etwas mit.
So werden wir zwar den ganzen Tag mit sehr ähnlichen Meinungen zu Censilia dichtgetweetet, doch auf der Straße bekommt davon kaum jemand etwas mit. Schlimmer noch – wenn ich mit Menschen, die das Internet nicht so exzessiv nutzen, rede, sieht man regelmäßig diesen »Schon wieder«-Gesichtsausdruck. Denn es gelingt uns nicht zu vermitteln, dass es nicht nur um unsere, sondern auch um deren Freiheit geht. Doch wir können nunmal nur auf den uns gegebenen Fakten argumentieren und die betreffen die Masse einfach nicht. »Sollen die doch die Seiten sperren, ich geh ja nicht auf Kinderpornoseiten.«»Was ist denn an der Vorratsdatenspeicherung so schlimm? Ich hab nichts zu verbergen.« Und statt diese Aussagen sachlich und mit Blick in die Zukunft zu demontieren, sitzen viele sogenannte Netzbürger auf dem hohen Ross und beschimpfen Leute die so denken einfach.
Damit nehmen wir uns selber aber viele Chancen. Denn die Aussage, dass das Internet eine Erfindung in der Größe des Buchdrucks ist stimmt einfach. Wir befinden uns mitten in einer Medienrevolution und anhand der Reaktionen der Politiker sieht man, wie hilflos die regierende Schicht mit diesem Wandel dasteht. Doch anstatt uns über die auch von Wikileaks angetriebene Demokratisierung von Wissen zu freuen, tun wir elitär und verhalten uns verächtlich gegenüber denen, denen die Affinität zum Netz fehlt. Doch genau so verhindern wir, was wir eigentlich erreichen wollen: Die Verteilung des Wissens auf die breite Masse um die Demokratie zu stärken. Also helft den Nicht-so-Versierten teilzuhaben und gebt ihnen auch das Recht auf Unwissenheit.
(Titelbild von Feliciano Guimarães unter dieser CC-Lizenz)
